Spürnasen im Dienst: So werden Zollhunde beim BAZG ausgebildet
von belmedia Redaktion -schweizweit Allgemein Alltag Arbeitswelt Ausbildung & Studium Beruf Beschäftigung Bildung Bildung & Arbeit Diensthunde Dienstleistungen Experten Hunde hundenews.ch Karriere Magazine nachrichtenticker.ch News Regionen Schweiz Themen Tiere Tierwelt tierwelt.news Verbreitung
Er schnüffelt sich konzentriert an einer Reihe von Koffern entlang, bleibt bei einem stehen, sitzt ab – und blickt unverwandt auf das Gepäcksstück. Ein Klick ertönt, ein Spielzeug fliegt durch die Luft, sein Hundeführer jubelt mit ihm. Was wie ein Spiel aussieht, ist hochpräzise Arbeit: Der Diensthund hat soeben eine Kleinstmenge Kokain aufgespürt. Zollhunde sind ein unverzichtbarer Teil der Grenzsicherheit der Schweiz – und ihre Ausbildung ist weit komplexer, als die meisten ahnen.
Das Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit (BAZG) setzt laut eigenen Angaben rund 80 Diensthunde ein. Sie arbeiten an Grenzübergängen, auf Flughäfen, in Zügen, auf Schiffen und bei Schwerpunktkontrollen im Inland. Ihre Aufgaben reichen von der Suche nach Betäubungsmitteln, Tabakwaren, Bargeld und Sprengstoff bis hin zum Artenschutz – und, bei Kombihunden, auch zum Personen- und Objektschutz. Was diese Tiere leisten, verdanken sie einer Ausbildung, die laut BAZG bis zu dreieinhalb Jahre dauert und Hundeführerin oder Hundeführer genauso fordert wie den Vierbeiner selbst.
Vom Welpen zum Diensthund: Der Weg beginnt früh
Die Ausbildung eines BAZG-Diensthundes beginnt nicht mit dem ersten Einsatz – sie beginnt mit der Auswahl des Welpen. Bereits beim Kauf des Welpen wird festgelegt, in welchem Bereich der Hund später eingesetzt werden soll – etwa als Betäubungsmittelspürhund, Tabakspürhund, Sprengstoffspürhund oder als Kombihund, der sowohl im Spür- als auch im Schutzhundbereich eingesetzt wird. Diese frühe Festlegung ist kein Zufall: Sie ermöglicht eine zielgerichtete Sozialisation und Grundkonditionierung von Anfang an.
Laut Lucia Studer, Leiterin des Fachbereichs Diensthunde beim BAZG, erfolgt die Wahl der Rasse nicht zufällig – sie hängt von der geplanten Aufgabe des Mensch-Hund-Duos ab. Entscheidend sind dabei neben der Rasse vor allem Charakter, Motivation und Bindungsfähigkeit. In der Praxis des BAZG kommen häufig Malinois zum Einsatz – eine Rasse, die mit ihrer Kombination aus Energie, Intelligenz und Arbeitswillen ideal für den anspruchsvollen Dienstalltag geeignet ist. Auch Deutsche Schäferhunde sind bei Schweizer Diensthundbehörden traditionell stark vertreten.
Der Junghundekurs: Sozialisierung als Fundament
Die Ausbildung findet in verschiedenen Phasen statt und umfasst regional organisierte Instruktionen, einen Kurs im KOSIT – dem Kompetenzzentrum für Sicherheit, Intervention und Technik in Interlaken – sowie weitere Schulungsintervalle, die während der täglichen Arbeit stattfinden. Ausserdem ist es wichtig für die Entwicklung und Sozialisierung des Welpen, dass er an einem Junghundekurs teilnimmt.
Im Junghundekurs werden die Tiere systematisch an alles gewöhnt, was ihnen später im Einsatz begegnen kann. Es ist wichtig, dass die Hunde schon von klein auf an alles gewöhnt werden, was ihnen später im Einsatz begegnen könnte, erklärt Beat Bösch, einer der Instruktoren des KOSIT und langjähriger Hundeführer. Das bedeutet: Helikopterlärm, Menschenmassen, verschiedene Bodenbeläge, Fahrzeuge, Züge, Schiffe, Lärm, ungewohnte Gerüche. Ein Hund, der im Einsatz von einer unbekannten Situation abgelenkt wird, ist ein Sicherheitsrisiko. Die Junghundekurse – es sind in der Regel zwei – schaffen das Fundament für alles Weitere.
Die Konditionierung: Spielen als Methode
Ab einem Alter von rund zwei Jahren beginnt die eigentliche Spezialisierungsausbildung. Für Betäubungsmittelspürhunde etwa bedeutet das: die Konditionierung auf spezifische Gerüche. Die Methode, die das BAZG dabei einsetzt, klingt einfacher als sie ist: Es wird ausschliesslich mit dem Spiel- und Beutetrieb der Hunde gearbeitet – ohne aggressives Verhalten, wie das BAZG ausdrücklich betont.
Die Verbindung vom Geruch des gesuchten Stoffes mit einer Belohnung geschieht durch sogenanntes «Impfen» und an der Anzeigewand, erklärt der stellvertretende Leiter Diensthundewesen Patrick Bosshard. Beim Impfen wird dem spielenden Hund die in mehrere Kaffeefilter verpackte Substanz vor die Nase gehalten – also etwa Marihuana, Kokain oder Heroin. So verbindet der Hund deren Geruch mit dem Spiel, seiner Belohnung.
An der Anzeigewand – einer Wand voller nummerierter Löcher – wird in einem der Löcher das gesuchte Betäubungsmittel versteckt. Der Hund bekommt ein anderes Halsband als Signal, dass es losgeht. Ist der Hund am richtigen Loch, riecht er die Substanz und macht eine Anzeige, indem er sich hinsetzt oder hinlegt. Sogleich ertönt ein Klick und ein Tennisball schiesst aus der Wand hervor, gefolgt vom Spielzeug aus der Jacke des Hundeführers. Es folgt ausgelassenes Spiel. Die Anzeigewand ist dabei kein Selbstzweck: Sie trainiert präzises, ruhiges Anzeigen – eine Fähigkeit, die im echten Einsatz zwischen einer erfolgreichen Sicherstellung und einem übersehenen Fund entscheiden kann.
Die Vielfalt der Spezialisierungen
Was ein BAZG-Diensthund lernt, hängt von seiner Spezialisierung ab. Die wichtigsten Bereiche:
- Betäubungsmittelspürhunde: Sie werden auf die Gerüche von Heroin, Kokain, Marihuana, Haschisch und weiteren Substanzen konditioniert. Laut BAZG ist es grundsätzlich möglich, einen Betäubungsmittelspürhund nachträglich auch auf andere Gerüche – etwa Notengeld oder geschützte Tierarten – zu trainieren.
- Tabakspürhunde: Angesichts des erheblichen Schmuggels mit unversteuerten Tabakwaren ein wichtiger Einsatzbereich, besonders an Landgrenzen und in Frachtanlagen.
- Sprengstoffspürhunde: Beim Sprengstoff wird nicht kombiniert – wegen des besonderen Gefahrenpotentials. Auch darf sich ein Sprengstoffspürhund der erschnüffelten Substanz keinesfalls zu stark nähern. Bei einer Anzeige sind besondere Massnahmen nötig.
- Artenschutzhunde: Neun Grundgerüche lernen diese Hunde kennen – darunter Elfenbein, Papageienfedern für Gefiedertiere, Pythonhaut für Reptilien oder Shahtoosh-Schale, die aus der Wolle der geschützten Tibetantilope gefertigt wird. Um die Gerüche zu beschaffen, arbeitet das BAZG mit Zoos zusammen, die für Ausbildungszwecke Haare, Federn und sogenannte Abriebe von Tieren zur Verfügung stellen.
- Kombihunde: Ein Kombihund ist sowohl Schutz- als auch Betäubungsmittelspürhund. Er lernt zusätzlich die verschiedenen Sparten im Bereich Schutzhund und schliesst mit einem Einsatztest ab.
Breite Ausbildung als Sicherheitsgarantie
Ein zentrales Prinzip der BAZG-Diensthundeausbildung ist die Breite. Es ist sehr wichtig, die Hunde breit auszubilden, damit sie im Einsatz nicht von unbekannten Umgebungen überrascht oder von ungewohntem Terrain abgelenkt werden, sagt Ausbildner Patrick Bosshard. Geübt wird die Suche in Koffern, Fahrzeugen, in einem Baugeschäft, in einer Bar, im Zug oder am Bahnhof – immer mit dem Ziel, das geliebte Spielzeug zu finden. Und so ganz nebenbei auch noch Betäubungsmittel, geschützte Arten oder Sprengstoff.
Diese Breite ist kein Luxus – sie ist Voraussetzung für den Einsatz. Ein Hund, der nur im Trainingslager gesucht hat, aber nicht im Lärm eines belebten Flughafens oder in der beengten Umgebung eines Zugabteils, ist für den Einsatz schlicht nicht bereit.
Der Einsatztest: Das Prüfungsformat
Nach dem Junghundekurs eins und zwei, dem Betäubungsmittelspürkurs und der Ausbildung zum Schutzhund beweisen Hundeführerin oder Hundeführer und Hund ihr Können im Einsatztest. Dabei stellen sie ihr Können unter Beweis beim Finden von Menschen sowie persönlichen Gegenständen wie Uhr, Handy oder Portemonnaie, bei der Kontrolle von Personen und Fahrzeugen sowie im Bereich technischer Schutzdienstfertigkeiten. Erst nach bestandenem Einsatztest gilt das Duo als volleinsatzfähig.
Eine Beziehung, die täglich gefordert ist
Diensthundeführerin oder Diensthundeführer zu sein, hört nicht beim Training auf. Lucia Studer, Leiterin des Fachbereichs Diensthunde beim BAZG, betont: Man ist als Hundeführerin oder Hundeführer täglich gefordert – im Einsatz wie auch zu Hause. Die Bindung zwischen Mensch und Tier ist zentral für den Erfolg der Einsätze an der Grenze, im Warenverkehr oder bei verdeckten Kontrollen im Inland. Jede Hundeführerin beziehungsweise jeder Hundeführer bildet mit dem Tier ein festes Team, das regelmässig trainiert und kontrolliert wird.
Mit dem bestandenen Einsatztest ist die Ausbildung nicht abgeschlossen – sie hört nie auf. Bis zur Pensionierung hält der Diensthund sein Können mit regelmässigen Weiterbildungskursen à jour. Das ist aus fachlicher Sicht konsequent: Geruchsgedächtnis, Kondition und Präzision der Anzeige können ohne regelmässiges Training nachlassen.
Der Ausbildungsort: KOSIT in Interlaken
Herzstück der Diensthundeausbildung des BAZG ist das KOSIT – das Kompetenzzentrum für Sicherheit, Intervention und Technik in Interlaken. Der Campus BAZG am Standort Interlaken besteht aus einem Schulgebäude und verfügt auf einer Fläche von rund 1,5 km² über umfassende und modernste Infrastrukturen für Ausbildungen in den Bereichen Sicherheit, Intervention und Technik, Fahrsicherheitstraining und Diensthundewesen. Dazu zählen eine polyvalente Trainingsanlage, eine Fahrtrainingsanlage sowie ein Diensthundegebäude modernster Bauart. Es ist einer der modernsten Ausbildungsstandorte für Diensthunde in der Schweiz.
Wie wird man Diensthundeführerin oder Diensthundeführer beim BAZG?
Der Weg zur Diensthundeführerin oder zum Diensthundeführer beim BAZG führt nicht direkt dorthin – er beginnt zwingend mit der Grundausbildung zur Fachspezialistin beziehungsweise zum Fachspezialisten Zoll und Grenzsicherheit. Die bezahlte Ausbildung dauert rund zwei Jahre, ist modular aufgebaut und umfasst moderne Lehr- und Lernformen. Sie findet im Campus BAZG in Liestal und teilweise in Interlaken sowie in den Regionen statt.
Die Tätigkeit als Diensthundeführerin oder Diensthundeführer ist eine von mehreren Spezialisierungsmöglichkeiten, die sich nach der Grundausbildung eröffnen – neben Tätigkeiten als Dokumentenberaterin, Ausbildnerin im Campus BAZG oder Sicherheitsbeauftragte im zivilen Luftverkehr oder für die Europäische Grenzschutzagentur FRONTEX. Wer Diensthundeführerin oder Diensthundeführer werden möchte, muss sich intern auf eine ausgeschriebene Stelle bewerben und ein Eignungsverfahren durchlaufen. Dabei wird nicht nur die Eignung der Person geprüft – auch der Hund selbst muss bestimmte charakterliche und gesundheitliche Kriterien erfüllen.
Wer diese Spezialisierung wählt, übernimmt eine Verantwortung, die weit über den Dienst hinausgeht: Der Diensthund lebt beim Hundeführerteam zu Hause und ist rund um die Uhr ein Teil des Alltags – im Einsatz, in der Freizeit, auf Reisen.
Fazit
Die Ausbildung der Schweizer Zollhunde ist ein Lehrstück in angewandter Lernpsychologie: konsequent positiv verstärkt, spielbasiert aufgebaut und dabei von höchster Präzision. Was mit einem Welpen und einem Frotteetuch als Spielzeug beginnt, endet nach bis zu dreieinhalb Jahren mit einem volleinsatzfähigen Diensthundteam, das Kleinstmengen von Betäubungsmitteln, geschützte Tierarten oder Sprengstoff erschnüffeln kann – und das in jeder Umgebung, bei jedem Wetter und unter grössten Ablenkungen. Dass diese Arbeit in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird, ist vielleicht das grösste Kompliment für die Professionalität dieser aussergewöhnlichen Teams.
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