Qualzucht bei Hunderassen: Wenn Schönheit und Mode zur Tierqual werden

Sie heissen Bulldogge, Pomeranian, Cocker Spaniel oder Schäferhund – und gehören zu den beliebtesten Hunderassen Europas. Doch viele von ihnen leiden unter massiven Gesundheitsproblemen, die direkt auf züchterische Übertreibungen zurückzuführen sind. Das Stichwort: Qualzucht.

Immer häufiger warnen Tierärztinnen, Tierschutzverbände und Zuchtkritiker vor zuchtbedingten Leiden. Rassespezifische Defekte wie Atemnot, Bewegungsstörungen, Augenerkrankungen oder neurologische Leiden sind bei manchen Rassen systematisch verbreitet. In der Schweiz verbietet das Tierschutzgesetz die Zucht mit Merkmalen, die „mit Schmerzen, Leiden, Schäden oder Angst“ verbunden sind. Trotzdem sind viele betroffene Rassen weiterhin im Umlauf.

Kurznasenhunde: Bulldogge, Mops, Pekinese, Chihuahua



Die bekanntesten Beispiele für Qualzucht sind brachyzephale Rassen mit extrem verkürzten Schädeln. Dazu zählen:

  • Französische und Englische Bulldogge
  • Pekinese
  • Chihuahua

Ihre typischen Merkmale – flaches Gesicht, grosse Augen, kurzer Fang – führen zu schwerwiegenden Problemen:

  • Brachyzephales Syndrom: chronische Atemnot durch zu enge Nasenöffnungen und verlängerten Gaumensegel
  • Augenprobleme: Exophthalmus (hervortretende Augen), Bindehautreizungen, Hornhautverletzungen
  • Wärmeregulierung: schlechte Hitzetoleranz durch eingeschränkte Atmung


Betroffene Tiere zeigen häufig röchelndes Atmen, Erschöpfung bei Wärme und sind anfällig für Kreislaufprobleme.


Tipp: Bei kurznasigen Rassen auf Zuchtlinien mit weniger ausgeprägtem Kurzkopf achten. Offene Nasenlöcher und längerer Fang sind tierfreundlicher.

Bewegung und Rücken: Schäferhund, Corgi, Basset, Bulldogge

Auch die Körperform vieler Rassen wurde über Jahrzehnte verändert – meist mit fatalen Folgen:

  • Deutscher Schäferhund: Zucht auf extrem schrägen Rücken (Hochzuchtlinie) führt zu Hüftgelenksdysplasie, Spondylose und Gangstörungen
  • Welsh Corgi: Kurze Beine und langer Rücken begünstigen Bandscheibenprobleme (Dackellähme)
  • Basset Hound: Stark verkürzte Beine, lose Haut und tiefe Ohren führen zu Bewegungsproblemen, Gehörgängenentzündungen und Augenreizungen

Gerade bei grossen Hunden ist die Form der Hinterhand entscheidend für gesunde Bewegung. Viele Ausstellungshunde sind jedoch durch übertriebene Standards beeinträchtigt.

Neurologische und genetische Erkrankungen: Cavalier, Cocker, Sheltie

Einige Rassen tragen schwere genetische Lasten – teils durch zu enge Zuchtlinien, teils durch gezielte Selektion.

  • Cavalier King Charles Spaniel: Syringomyelie (SM), eine unheilbare Rückenmarkserkrankung, betrifft grosse Teile der Population. Sie entsteht durch zu kleine Schädel.
  • Cocker Spaniel: Neigung zu Augenerkrankungen (PRA), Epilepsie und Aggressionssyndromen
  • Sheltie und Collie: MDR1-Gendefekt (Medikamentenunverträglichkeit), Collie Eye Anomaly

Tipp: Auf Zuchten achten, die SM-freie, MDR1-getestete und augenuntersuchte Elterntiere vorweisen können.

Diese Krankheiten verursachen Schmerz, Einschränkungen und führen teils zum frühen Tod. Viele könnten durch konsequente genetische Tests in der Zucht vermieden werden.

Übertriebene Mode: Pomeranian, Dobermann, Australian Shepherd

Einige Hunderassen sind durch Mode und Social Media zum Lifestyle-Objekt geworden – mit Konsequenzen:

  • Pomeranian (Zwergspitz): Kleinwuchs, weiches Trachealkollaps-Risiko, Zahnprobleme und zu grosser Schädel im Verhältnis zum Körper
  • Dobermann: Neigung zu Dilatativer Kardiomyopathie (DCM), Wobbler-Syndrom (Halswirbelinstabilität)
  • Australian Shepherd: Epilepsie, Augenprobleme, Taubheit bei Merle-Merle-Verpaarung

Insbesondere „Mini“-Varianten (z. B. Mini-Aussie oder Teacup-Pomeranian) gelten als besonders riskant: Der kleine Körper verstärkt genetische Defekte, die durch das Zuchtziel „immer kleiner“ entstehen.

Was bedeutet Qualzucht – und wo greift das Gesetz?

Laut Schweizer Tierschutzverordnung (TSchV) gilt eine Zucht als qualvoll, wenn Tiere aufgrund gezielter Auswahl unter Schmerzen, Leiden oder Schäden leiden – oder dauerhaft beeinträchtigt sind. Dazu zählen:

  • Erbliche Missbildungen (z. B. Schädelverformung)
  • Chronische Atemnot oder Lahmheit
  • Nervenleiden oder Verhaltensstörungen
  • Verlust natürlicher Funktionen (z. B. Gebären, Atmen, Regulieren von Temperatur)

Züchter sind verpflichtet, ihre Linien entsprechend zu prüfen. Dennoch werden viele betroffene Rassen weiterhin ohne Gesundheitsnachweise oder unter verharmlosender Werbung verkauft.


Tipp: Gesundheitszertifikate einfordern, Stammbaum prüfen und nur bei Zuchtverbänden mit Transparenz kaufen. Tierschutzvereine beraten unabhängig.

Fazit: Mode darf kein Leid erzeugen

Die Vielfalt der Hunderassen ist faszinierend – aber sie darf nicht auf Kosten der Gesundheit gehen. Viele beliebte Rassen sind heute durch übertriebene Standards, genetische Engpässe oder modischen Druck so verändert, dass sie ohne medizinische Unterstützung kaum überleben könnten.

Qualzucht beginnt dort, wo Schönheit, Niedlichkeit oder Showwerte über das Wohl des Tieres gestellt werden. Wer Hunde liebt, sollte nicht nur aufs Äussere achten – sondern auf Herkunft, Gesundheit und Verantwortung.

 

Quelle: hundenews.ch-Redaktion
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